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BEDEUTENDE KURSTÄDTE EUROPAS – MONTECATINI TERME

icona patrimonio sito UNESCO
SERIELLES UND TRANSNATIONALES WELTKULTURERBE
DOSSIER UNESCO: 1613
VERLEIHUNGSSTADT: FUZHOU, CHINA
VERLEIHUNGSJAHR: 2021
BEGRÜNDUNG: Die großen Kurstädte Europas stehen für einen wichtigen Austausch innovativer Ideen, die die Entwicklung der Medizin, der Bäderheilkunde und der Unterhaltung vom 18. Jh. bis zu den 30er Jahren beeinflusst haben. Sowohl die externe (das Baden) als auch die interne Behandlung (das Trinken und Inhalieren) in den Thermen erforderte einen strukturierten Tagesplan, ärztliche Begleitung sowie ein Rahmenprogramm an Unterhaltung. Diese Parameter beeinflussten die räumliche Gestaltung der Kurstädte sowie Form und Funktion der Kurhäuser und der „Thermen-Architektur“.

„Die frei gewordenen Balsame entstammen der Tiefe
und entfalten sich am klaren Tage.“

Odi, Giuseppe Parini

Das Welterbe umfasst 11 Kurstädte in sieben europäischen Ländern, die durch ein Wasser mit besonderen Eigenschaften verbunden sind. Eine dieser Termen, Montecatini, befindet sich in Italien. Die Stadt in der Toskana steht für eine internationale Kultur, die ab dem 18. Jh. dazu führte, dass Gäste für Bäder und Thermalkuren nach Montecatini kamen und sich in der warmen und verträumten Atmosphäre der Stadt längere Zeit aufhielten. Im Laufe der Jahrhunderte wurde Montecatini für viele Maler, Schriftsteller und Filmregisseure zur Quelle der Inspiration. Alles beginnt mit der Nutzung dieses unterirdischen „Balsams“, d.h. der natürlichen Ressourcen, welche bereits in der Antike bekannt waren und nach und nach bis zur Errichtung der Gebäudekomplexe und einer Art neuen Stadt rund um die Quellen genutzt wurden. Die historischen und ästhetischen Aspekte werden durch den medizinischen und therapeutischen Aspekt ergänzt, da die Vorzüge des Mineralwassers aus diesen Gebieten für Körper und Geist mittlerweile medizinisch erwiesen sind. Zusammen mit Baden bei Wien (Österreich), Spa (Belgien), Františkovy Lázně, Karlovy Vary und Mariánské Lázně (Tschechische Republik), Vichy (Frankreich), Bad Ems, Baden-Baden, Bad Kissingen (Deutschland) und Bath (Vereinigtes Königreich) wird Montecatini Terme daher weltweit als ein Gebiet des Friedens und des Wohlbefindens anerkannt. Montecatini spielt auch in der Geschichte des Tourismus und der Thermen eine wichtige Rolle, da die Stadt von Touristen besucht wird, die Spaß, Entspannung, Entschlackung und Regeneration suchen.

NICHT ZU VERPASSEN

„Wir haben ihn schließlich im Hotel Pace in Montecatini erwischt.“

Was machte der mittellose Graf Mascetti (gespielt von Ugo Tognazzi) im luxuriösesten und erstklassigen Hotel von Montecatini? Einer der vielen Streiche, die die Gruppe von Florentiner Freunden, die Protagonisten der erfolgreichen Trilogie Ein irres Klassentreffen, inszeniert, spielt in dem exklusiven Kurort, aus dem der Graf mit dem Ausweg des „Rigatino“ entkommt, das heißt, er gibt sich als Portier aus und verlässt das Hotel im Morgengrauen.
Google Maps
Aber Montecatini ist nicht nur Luxus und Exklusivität: Im Gegenteil handelt es sich um eine Stadt mit menschlichem Antlitz und mitten im Grünen, die jeden willkommen heißt und deren faszinierende Schönheit man zu Fuß in vollen Zügen genießen kann. Die gepflegten, schattigen Gärten laden zu einem angenehmen Spaziergang ein, während die langen, von Bäumen gesäumten Alleen zu den Thermalbädern führen, die nicht nur Wellness-Zentren, sondern auch architektonische Meisterwerke sind. Ein Spaziergang durch Montecatini ermöglicht Schritt für Schritt, die Geschichte des Ortes zu entdecken, wie in einem Freilichtmuseum, in dem jedes Detail eine interessante Vergangenheit offenbart. Hier drehte sich alles um das Wasser, nach einem Projekt, das der Großherzog Pietro Leopoldo von Lothringen zwischen 1773 und 1783 anbahnte: Seitdem zog Montecatini Terme Reisende aus ganz Europa an und bereitete ihnen einen Empfang, der noch heute sein Markenzeichen ist. Der
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Thermalpark ist eine grüne Lunge, und auch wer sich nicht für Thermalkuren interessiert, wird von der monumentalen und eklektischen Architektur der verschiedenen Gebäude mit Jugendstilverzierungen beeindruckt sein. Biegt man in den
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Viale Verdi ein, eine breite Straße, die 1782 der Großherzog in Auftrag gab, befindet man sich auf dem „Walk of Fame“ von Montecatini, der hier „Passi di Gloria“ genannt wird, weil so viele bedeutende Persönlichkeiten sie betraten. Von den Diven der Vergangenheit bis hin zu Königspaaren, Präsidenten, Künstlern und Sportlern haben alle ihre Spuren hier hinterlassen. Montecatini ehrt diese Berühmtheiten mit kleinen Schildern mit Angabe ihrer Namen und des Jahres ihres ersten Besuchs: Von Giuseppe Verdi im Jahr 1882 bis zu Audrey Hepburn im Jahr 1954 und vielen anderen. Entlang der Allee, die die TettuccioThermen mit der Piazza del Popolo verbindet, stößt man zunächst auf den
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Pavillon Tamerici, ein schönes Beispiel für Jugendstilarchitektur gegenüber dem Verdi-Theater, und dann auf das
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MO.C.A., Museum für zeitgenössische Kunst im Palazzo Comunale: In seinen Räumen wurden Werke bedeutender Künstler ausgestellt, unter anderem des katalanischen Surrealisten Joan Miró.

„So wie die von Bacchus berauschte Ariadne
im Dithyramb von Redi alle Wasser der
Welt anruft, von denen ihr keines klar
genug erscheint, so fragte ich Novello,
ob er ein abführendes, abführendes,
verdauungsförderndes, harntreibendes,
erbrechendes, stomatisches Wasser kenne.
Und Novello, der stolz darauf ist, die Qualität
und den Preis eines Mineralwassers an einem
Schluck zu erkennen, rief: Montecatini!“

Spezialitäten der italienischen Küche, Paolo Monelli

So schließt der „wandernde Feinschmecker“ Paolo Monelli, Journalist, Schriftsteller und Feinschmecker, seine enogastronomische Reise durch das Italien der 30er Jahre: Genau dort, „wo diejenigen hingehen, die ihre Mägen und Nieren zu sehr strapaziert haben; und diejenigen, die ihre Därme zum Sack aller Lust, zum Gefäß aller Wollust gemacht haben“. Geschätzt sind die heilende Eigenschaften von Montecatini-Thermalwasser für Leber und Nieren. Ugolino da Montecatini beschreibt in seinem ausführlichen Tractatus de balneis (1419–1420) die therapeutischen Eigenschaften des Thermalwassers und seine Unterstützung bei verschiedenen Störungen, von Nierensteinen bis zur Appetitanregung: „solvit ventrem mirabiliter et renum opilationes aperti, aliquando lapidem solvit et necat et expellit vermes, per accidius excitat appetitum“. Im Gebiet gibt es 11 Thermalquellen, wovon vier in Betrieb sind und aus einer 60–80 m Tiefe entspringen.

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Die italienischen UNESCO-Welterbestätten erzählen ihre Geschichte durch die Worte großer Schriftsteller, die ihre Geschichte und Schönheit gefeiert haben

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FÜR DIE JÜNGSTEN

„[...] DAS MODERNE TOSKANISCHE MÄRCHEN PINOCCHIO ENTSTAND IN COLLODI, WO DIE VILLA GARZONI MIT EINEM HERRLICHEN GARTEN STEHT. HIER VERZICHTET DIE TOSKANISCHE RAUHEIT NICHT AUF SICH SELBST, SONDERN VERWANDELT SICH IN EIN MÄRCHEN. UND HIER (DIE GEGENÜBERSTELLUNG IST KEIN SCHERZ) HABEN WIR MIT MONTECATINI DEN GRÖSSTEN UNSERER KURORTE. DAS THERMALWASSER FLIEßT FAST IMMER IN GEGENDEN MIT FREUNDLICHEM TEMPERAMENT.“
attività per bambini del sito UNESCO nr. 57
Der Journalist und Schriftsteller Guido Piovene beschrieb das Valdinievole in seinem Buch 18 mal Italien so: Ein „märchenhaftes“ Tal, allein schon deshalb, weil hier Erwachsene und Kinder den Ursprung eines der beliebtesten Märchen aller Zeiten finden können. Aber das ist noch nicht alles: Montecatini Terme und die gesamte Umgebung bieten zahlreiche Möglichkeiten für einen Familienausflug. Man fährt nämlich nicht nur wegen der Thermalbäder nach Montecatini, denn hoch oben auf dem Hügel liegt das mittelalterliche Dorf
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Montecatini Alto, das man von Montecatini Terme aus mit einer charakteristischen Standseilbahn erreichen kann: Zwei kleine rote Züge – Gigio und Gigia – verbinden seit dem 4. Juni 1898 die beiden Dörfer miteinander. An diesem Tag nahm auch der Komponist Giuseppe Verdi an der Einweihung teil. Die langsame Fahrt, die Aussicht, die Holzbänke und die Stehplätze auf den kleinen Balkonen vor den Waggons werden Jung und Alt gleichermaßen ansprechen. Mit Kindern unterwegs? Etwa 20 km von Montecatini entfernt erreicht man den
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Pinocchio-Park in Collodi (Ortsteil von Pescia), einen der ersten Spielplätze in Europa, der 1956 eingeweiht wurde. Antike Fahrgeschäfte, Werkstätten, Veranstaltungen, Kunstinstallationen, ein interaktives Museum und der größte Pinocchio der Welt (16 m): Alles ist hier den Abenteuern der berühmten Puppe aus der Feder von Carlo Lorenzini, besser bekannt als Collodi, gewidmet. In der Nähe des Parks können wir zusammen mit den Kindern auch den historischen
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Giardino Garzoni besuchen, einen der schönsten Gärten der Toskana, mit seinen erstaunlichen Treppen, Terrassen und Brunnen sowie dem Schmetterlingshaus, das von Hunderten von Schmetterlingen aus tropischen Gebieten bewohnt wird, wo die Insekten größer und bunter sind. Wollen wir den Kleinen andere Tiere aus Ferngebieten zeigen, können wir auch den
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Zoologischen Garten von Pistoia besuchen, der Workshops und andere Aktivitäten für Kinder organisiert und sich seit seiner Gründung für den Schutz bedrohter Arten einsetzt. Etwa 30 Autominuten von Montecatini entfernt kann man schließlich das Genie von Leonardo kennen lernen. In
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Vinci befindet sich nämlich sein Geburtshaus und das Museo Leonardiano, das geführte Familienausflüge und interaktive Spiele bietet.
sito UNESCO nr. 57 in Italia
LESEEMPFEHLUNGEN

Buchempfehlungen, um die Geschichte der Thermen und des Gebiets zu erkunden

  • Tractatus de balneis, Ugolino da Montecatini (1419–20). Ugolino da Montecatini, ein Arzt aus dem 15. Jh., war der erste, der das Heilwasser von Montecatini analysierte und pries, weshalb er als Vater der Hydrologie gilt
  • Odi, Giuseppe Parini (1761). Die Gedichtsammlung behandelt gesellschaftliche, wissenschaftliche und politische Themen auf literarischer Ebene während der Aufklärung. Zu den Gedichten gehören La Magistratura, die Ode, aus der der Vers stammt, der an der Tettuccio Terme in Montecatini angebracht ist.
  • Spezialitäten der italienischen Küche, Paolo Monelli (1935). Die Reise des Journalisten und leidenschaftlichen Feinschmeckers Paolo Monelli, zusammen mit dem abstinenten Illustrator Giuseppe Novello, ist eine der ersten Reisen durch das Italien des Essens und des Weins: eine Reise, die genau in Montecatini endet, „wo wir uns von Unreinheiten waschen, wo wir unseren Körper rein und makellos machen“.
  • 18 mal Italien, Guido Piovene (1957). Piovene bereiste das Bel Paese drei Jahre und schrieb dann diese einzigartige und detaillierte Reportage, die als Klassiker der italienischen Reiseliteratur gilt. Von den Alpen über die Toskana bis nach Valdinievole lädt uns der Autor ein, die Wunderwerke Italiens zu entdecken.
  • Montecatini Terme Patrimonio dell’Umanità, Angela Bechini, Simona Romani, Sebastiano Nerozzi (2022). Eine sorgfältige Analyse der Gründe und Stärken, die dazu geführt haben, dass Montecatini Terme im Jahr 2021 zusammen mit 10 anderen Kurorten in Europa als UNESCO-Weltkulturerbe anerkannt wurde. Hinzu kommt eine Überlegung über das Potenzial dieses Gebietes.
  • Morte e rinascita di una città termale: Montecatini 1554/1773, Vasco Ferretti (2022). Vom Großherzog Cosimo I de’ Medici bis zum Großherzog Pietro Leopoldo Lorena, von der internationalen Berühmtheit im 20. Jh. bis zum UNESCOWeltkulturerbe: Eine historische Recherche über Montecatini, die Ereignisse und Persönlichkeiten, die die Stadt international berühmt machten
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