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FRÜHCHRISTLICHE BAUDENKMÄLER IN RAVENNA

icona patrimonio sito UNESCO
SERIELLES WELTKULTURERBE
DOSSIER UNESCO: 788
VERLEIHUNGSSTADT: MÉRIDA, MEXIKO
VERLEIHUNGSJAHR: 1996
BEGRÜNDUNG: Die frühchristlichen Baudenkmäler von Ravenna stellen den höchsten Ausdruck der Mosaikkunst dar. Einzigartig sind sie im Hinblick auf die Vereinigung westlicher und östlicher Einflüsse, die Ergänzung griechisch-römischer Stilelemente mit christlicher Ikonographie und die Darstellung des kulturellen und künstlerischen Temperaments des 6. Jahrhunderts. Sie sind ein grundlegendes Zeugnis für die Beziehungen und den Austausch in einer für die Entwicklung der europäischen Identität ausgesprochen wichtigen Zeit.

„Ravenna, goldglänzende Nacht, / Grab der
Gewalttätigen, bewacht / von schrecklichen Blicken,
/ grimmiger Rumpf eines kaiserlichen / Amts, eisern,
gebaut / aus jenem Eisen, mit dem das Schicksal /
unbesiegbar ist, getrieben durch Schiffbruch / an die
Grenzen der Welt, / über das äußerste Ufer!“

Le città del silenzio, Gabriele d’Annunzio

Ravenna ist weltweit für seine prachtvollen Mosaiken bekannt: Kirchen, Baptisterien und Palazzi ziehen jedes Jahr Hunderttausende von Besuchern an, die angesichts der Fülle von Eindrücken aus dem Staunen nicht mehr heraus kommen. Doch Ravenna ist nicht nur aus ästhetischen Gründen einer der einzigartigsten Orte auf der Welt: Die prächtigen, zwischen dem 5. und 6. Jh. entstandenen Dekorationen, als Ravenna die Hauptstadt des Weströmischen Reiches und später ein Außenposten des Byzantinischen Reiches war, stehen für die Entstehungszeit der christlichen Ikonographie. Und so ist Ravenna im Mosaik der Kunstgeschichte das entscheidende Mosaiksteinchen, durch welches West und Ost, Antike und Mittelalter über Meere und Jahrhunderte hinweg miteinander verbunden werden.

NICHT ZU VERPASSEN

„Einsame Stadt! Vielen wird eine Geschichte / Von deinem großen Ruhm in den alten Tagen erzählt.“

Erzählungen wird es noch viele geben, da die Stadt der Mosaiken, die Oscar Wilde in einem seiner Jugendgedichte verherrlichte, in der Lage ist, jeden Besucher in Staunen zu versetzen.
Google Maps
Es ist ein absolutes Muss, die Stätten des UNESCO-Weltkulturerbes in Ravenna zu besuchen: Wir starten an der
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Basilika San Vitale, die 548 unter Erzbischof Maximianus geweiht wurde und weltweit ein Symbol für byzantinische Kunst darstellt. Betritt man die Basilika, so ist nicht gleich klar, ob der oktonale Zentralbau mit Exedren zwischen Innenraum und Umgang, den zahlreichen Säulen und der Empore im Obergeschoss zu einer Kirche, dem Gotteshaus einer exotischen orientalischen Religion oder einem heidnischen Tempel gehört, bis man in den Altarraum kommt, der mit den prachtvollsten Mosaiken Ravennas geschmückt ist. Abgebildet ist Christus als Weltenherrscher sowie Kaiser Justinian und Kaiserin Teodora. Nur wenige Meter entfernt steht das ein Jahrhundert zuvor errichtete
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Mausoleum der Galla Placidia. Die Mosaiken des Mauseoleums sind noch von der naturalistischen römischen Kunst geprägt. Gleich danach können wir das wunderschöne Mosaik mit der Darstellung der Taufe Christi im nüchtern gehalteten
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Baptisterium der Arianer mit dem Mosaik der opulenten
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Neonianischen Taufkapelle vergleichen, wo jedes Bild sowie die architektonischen Bauelemente über dem Besucher zu schweben scheinen, ganz so, als würden sie sich bewegen. In unmittelbarer Nähe befindet sich das
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Erzbischöfliche Museum Besonderes Augenmerk gilt der mit 27 Elfenbeintafeln geschmückten Maximianskathedra (aus dem 6. Jh.) sowie der Andreaskapelle mit einer der außergewöhnlichsten Christusdarstellungen der Kunstgeschichte: der als Feldherr gekleidete Christus mit Beinkleidern und Rüstung. Bevor wir das Stadtzentrum von Ravenna verlassen, ist noch die
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Basilika Sant’Apollinare Nuovo zu besichtigen. Nicht zu verpassen sind hier die in den Mosaiken im Mittelschiff dargestellten Züge der Märtyrer und Heiligen. Das
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Mausoleum des Theoderich zeichnet sich dadurch aus, dass es aus Steinblöcken aus Istrien (statt Ziegeln) ohne Mörtel gebaut wurde, wie ein riesiges LEGO aus dem frühen Mittelalter. Unsere Stadtbesichtigung endet einige Kilometer südlich von Ravenna mit einem der wichtigsten Zeugnisse frühchristlicher Kunst: der
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Basilika Sant’Apollinare in Classe einer klassischen Basilika mit einem sensationellen Mosaikzyklus in der Apsis.

„Es war in Ravenna, am Ende
des letzten März. Im Mausoleum
der Galla Placidia, das Blau
intensiv bis zur Verzweiflung,
kann durch die innige Wut
des Feuers schmelzen und in
Strahlen zerfallen.“

Svaghi, in Un grido e paesaggi, Giuseppe Ungaretti

Es erstaunt nicht, dass das Mausoleum der Kaiserin Galla Placidia – der Tochter des Kaisers Theodosius – dessen Bauherrin sie der Überlieferung nach ist, ohne dass sie dort je beigesetzt wurde, im Laufe der Jahrhunderte zu Oden, Gedichten und Betrachtungen aller Art inspirierte. Bereits der erste Eindruck ist überwältigend: Von Außen aus betrachtet mutet dieses kleine, kreuzförmige Gebäude ausgesprochen bescheiden an. Doch im Inneren sind die Wandmosaiken geradezu überwältigend. Gerade hier kann man die Entwicklung und die Veränderungen in der Geschichte der christlichen Kunst gut beobachten: Man beachte zum Beispiel den Unterschied zwischen dem realistisch in der Figur des Guten Hirten dargestellten Christus über der Eingangstür, der von der römischen Bildtradition beeinflußt ist, und den streng dargestellten Christus in Kaiserkleidung in der nahe gelegenen Basilika San Vitale, der ein Jahrhundert später unter byzantinischem Einfluss entstand. Im Mausoleum finden wir auch das erste Beispiel einer mit einem Sternenhimmel dekorierten Decke. Dabei handelt es sich um ein Motiv, das im Laufe des Mittelalters bis Giotto und darüber hinaus in Hunderten von Kirchen in ganz Europa immer wieder aufgegriffen wird.

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Die italienischen UNESCO-Welterbestätten erzählen ihre Geschichte durch die Worte großer Schriftsteller, die ihre Geschichte und Schönheit gefeiert haben

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FÜR DIE JÜNGSTEN

„ALS OB AN CHIASSIS STRANDE LEISE SCHREITEND / DER SÜDWIND SCHWILLT ENTLANG DEM PINIENHAIN, /GIBT ÄOLUS IHN FREI, DEN ZAUM IHM WEITEND.“
attività per bambini del sito UNESCO nr. 16
Bilder begegnen uns in Ravenna nicht nur in den Mosaiken, sondern auch bei Dante (hier oben sind Verse aus dem Buch Fegefeuer zitiert), der in der Stadt der Romagna die letzten Jahre seines Lebens verbrachte. Bis zu seinem Tod im Jahr 1321 lebte er bei Guido Novello da Polenta. Das
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Dante-Museum bietet eine gute Gelegenheit, sein Wissen über den großen Dichter zu vertiefen. Das Museum richtet sich insbesondere auch an junge Menschen: Kindern werden die vielen interaktiven Medienangebote sowie der Bezug zu LEGO und Mickey Mouse gefallen. Auch die Truhe, in der die Franziskanermönche die Gebeine des Dichters aufbewahrten, nachdem sie diese entwendet hatten, gibt es noch. Gleich daneben befindet sich das
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Dante-Grabmal, in dem seit 1780 die Gebeine des Dichters ruhen, sowie die
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Basilika San Francesco, die lustigste Kirche der Stadt. In der Krypta befindet sich ein Mosaikfußboden, der mit Tausenden von Litern Wasser bedeckt ist und heute als Aquarium genutzt wird. Der Bezug Ravennas zu Dante wird durch den Besuch des Pinienwaldes
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Pineta di Classe nochmals deutlicher. Hierhin soll sich der Dichter gerne zurückgezogen haben (mit Wäldern kannte er sich gut aus), um nach Inspiration zu suchen. Den Kindern wird es Spaß machen, zwischen Pinien, Eichen und Steineichen spazieren zu gehen, vorbei am Schilf, das den Übergang zu den Sumpfgebieten markiert. Doch dies ist nur der Auftakt zu den wirklichen Spezialeffekten, die das Gebiet südlich von Ravenna bereithält:
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Mirabilandia a ist einer der bekanntesten Freizeitparks Italiens. Von mehreren Arten von Achterbahnen über Geisterbahnen und Wasserbahnen bis hin zum Ölturm und Showlasersystemen – für jeden Geschmack ist etwas dabei. Der angrenzende Mirabeach garantiert stundenlangen Spaß für Wasserrutschen- und Poolfans. In der Nähe befindet sich das
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Labyrinth Dedalo, das in einem riesigen Maisfeld gebaut wurde. Hier können regelrechte Abenteuer erlebt werden: Denkt daran, dass ein guter Orientierungssinn notwendig ist, um auf der schwierigsten Route den Weg zu finden. Bedenkt man, dass sich die Stadt Ravenna ganze 35 km entlang der Küste erstreckt, sollte man die Besichtigungstour mit einem schönen Nachmittag am Strand abschließen:
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Lido di Savio eignet sich in besonderem Maße für Familien, denn hier kann man baden, im Sand spielen und die zahlreichen Fischerhütten mit ihren riesigen Netzen in der Nähe der Flussmündung des Savio bewundern.
sito UNESCO nr. 16 in Italia
LESEEMPFEHLUNGEN

Buchempfehlungen, um die Stadt der Mosaike zu entdecken.

  • Göttliche Komödie, Dante Alighieri (1314–21). Das wichtigste, repräsentativste und brillanteste Werk der italienischen Literaturgeschichte ist untrennbar mit Ravenna verbunden, da die Stadt sein letzter Zufluchtsort war. Dante erwähnt sie in einigen Passagen des Inferno, und widmet im Purgatory. eine Passage dem Pinienwald.
  • Ravenna, in Poems, Oscar Wilde (1878). Die meisten Gedichte schrieb er in seiner Jugend. Mit dem, was der Stadt Ravenna gewidmet war, erlangte der Schriftsteller seinen literarischen Durchbruch. Er beschreibt, wie er die Stadt zu Pferd betritt, beeindruckt von der Stille in den Straßen und hingerissen von der Aura der Persönlichkeiten, die Stadt bekannt gemacht haben: Theoderich, Dante und Lord Byron.
  • Le città del silenzio, in Elettra, Gabriele d’Annunzio (1903). In diesem zu Beginn des 20. Jhs. erschienenen Buch, dem zweiten der Laudi, Sammlung, widmet der Dichter seine Gedichte einer Reihe italienischer Städte. Im Hinblick auf Ravenna erzählt er von der Beziehung zum Meer, das sich im Laufe der Jahrhunderte immer weiter entfernte, was letztendlich zu ihrem Untergang führte.
  • Italienische Stunden, Henry James (1909). James, der zu den großen Schriftstellern gehörte, die von Italien und dessen Kunst überwältigt waren, nimmt aufgrund seiner feinen Sprache und seiner Fähigkeit, die bekanntesten Monumente auf eine sehr originelle Weise zu interpretierenen, eine führende Rolle ein. Besonders beindruckend ist, wie er die Mosaiken von Ravenna beschreibt: „Und überall dasselbe tiefe Erstaunen darüber, dass, während Jahrhunderte sich abnutzten und Reiche aufstiegen und fielen, diese kleinen Würfel aus farbigem Glas an ihrem Platz blieben und ihre Frische behielten.“
  • Byron a Ravenna. L’uomo e il poeta, Alieto Benini (1960). Unter den großen Literaten, die Ravenna feierten, nimmt Lord Byron einen besonderen Platz ein. Er empfand eine tiefe Liebe zu Teresa Guiccioli und zu Ravenna. Davon erzählt Benini in seinem Buch.
  • Un grido e paesaggi, Giuseppe Ungaretti (1968). Der Dichter verarbeitet einige melancholische Frühlingseindrücke aus Amsterdam und Ravenna, wo er das Mausoleum der Galla Placidia und des Theoderich besichtigte und die Tauben beobachtete.
  • La delfina bizantina, Aldo Busi (1986). In seinem charakteristischen Wirrwarr von Registern und sprachlichen Ausdrücken schuf er ein fesselndes Werk. Anastasia, die Haputfigur, betreibt ein Bestattungsinstitut in Ravenna.

Kinder- und Jugendliteratur:

  • Una pigna per Ravenna, Silvia Togni, Enrico Rambaldi (2012). Ein illustrierter Stadtführer für Kinder, der verschiedene Kuriositäten aufzeigt und mit Stereotypen und Klischees bricht.
  • Pimpa a Ravenna, Altan (2017). Um Ravenna aus einer verträumten und heiteren Perspektive zu sehen, muss man die Stadt aus der Sicht des berühmten Hundes mit den roten Punkten erleben.
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