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HADRIANSVILLA (TIVOLI)

icona patrimonio sito UNESCO
WELTKULTURERBE
DOSSIER UNESCO: 907
VERLEIHUNGSSTADT: MARRAKESCH, MAROKKO
VERLEIHUNGSJAHR: 1999
BEGRÜNDUNG: Die Hadriansvilla in Tivoli ist ein besonderer klassischer Gebäudekomplex, den der römische Kaiser Hadrian im 2. Jh. n. Chr. bauen ließ. Er verbindet die besten architektonischen Elemente aus Ägypten, Griechenland und Rom in Form einer „Idealstadt“. Das Studium der Monumente, aus denen die Hadriansvilla besteht, hat die Architekten der Renaissance und des Barocks sowie Architekten und Designer des 19. und 20. Jh. in entscheidendem Maße beeinflusst.

„[…] In meiner Villa ließ ich den Hermaphroditen
und den Zentaur, Niobe und Venus kopieren,
gespannt unter diesen Melodien der Form zu
leben. Ich begünstigte die Erfahrungen mit der
Vergangenheit, dem weisen Archaismus, der
den Sinn der verlorenen Absichten und Techniken
wiederbelebt.“

Ich zähmte die Wölfin. Die Erinnerungen des Kaisers Hadrian,
Marguerite Yourcenar

Vor den Toren Tivolis befindet sich die von 118 bis 138 n. Chr. erbaute Vorort-Siedlung des Kaisers Hadrian. 20 Jahre wurde am leuchtendsten Stern aller Kaiservillen der römischen Antike gebaut. Für die damalige Zeit wurden sehr weit entwickelte Ingenieursund Hydrauliktechniken eingesetzt. Die Villa erstreckte sich auf einem Gebiet von etwa 120 Hektar am Fuße der Monti Tiburtini, genauer gesagt auf einem zwischen zwei Gräben liegenden Tuffsteinplateau. Die Hadriansvilla ist eine der größten Villen, die je existierte, fast so groß wie eine Stadt, die in mehrere Bereiche unterteilt war. Die einzelnen Bereiche umfassten auf der einen Seite repräsentative Gebäude und Thermengebäude, auf der anderen Seite die Sommerresidenz und Monumente. Wir müssen uns hier einen riesigen Baukomplex vorstellen, der in einem zur damaligen Zeit grünen, blühenden und an Wasservorkommen reichen Gebiet eingebettet war und sich zudem in der Nähe von Rom befand: eine strategisch günstige Lage. Tempel, Bibliotheken, Theater, das Odeon, Gartenstadien und Thermen; Zeugnisse von Reisen, die Hadrian in die Provinzen unternommen hatte, befanden sich in der gesamten Villa. Alles war mit Fresken, Stuck, Mosaiken, Säulengängen und Wasserspielen dekoriert. Noch heute ist der Besuch der Villa ein absolutes Muss.

NICHT ZU VERPASSEN

„Er ließ in Tivoli eine Villa außerordentlicher Pracht errichten, in der die berühmtesten Orte der Provinzen des Reiches wie Lyzeum, Akademie, Pritaneum, die Stadt Kanopus, Pecile und das Tal von Tempe mit ihren Namen abgebildet waren. Um nichts auszulassen, ließ er dort auch die Unterwelt darstellen.“

In der spätantiken Sammlung von Lebensbeschreibungen römischer Kaiser, Historia Augusta, welche Vita Hadriani (XXVI, 5) beinhaltet, wird der Kaiser und dessen Villa in Tivoli so beschrieben, dass noch heute beim Besucher das Interesse geweckt wird, diese kaiserliche Sommerresidenz zu besichtigen.
Google Maps
Unser Rundgang beginnt mit der ersten Etappe kurz nach dem Eingang am
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Modell der ursprünglichen Villa (größtenteils von Kaiser Hadrian selbst entworfen), um einen Eindruck von der damaligen Sommerresidenz zu bekommen. Danach kommen wir zum
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Pecile: Dieser wurde nach dem Modell der Stoà poecilè, einem ausgemalten Säulengang auf der Agora in Athen, gebaut und bestand aus einem rechteckigen Platz mit Säulengang und einem Wasserbecken in der Mitte. Die nächste Etappe ist der Bereich der
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Cento camerelle, einem Gebäude an der Promenade des Pecile. Hier befanden sich kleine Zimmer, die von externen Galerien aus zugänglich waren und wahrscheinlich als Unterkunft für das Dienstpersonal oder Lagerräume genutzt wurden. Beeindruckend sind die Überreste der Thermenanlagen: die
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Kleine Thermenanlage, gehörte trotz ihres Namens zu den luxuriösesten des gesamten Baukomplexes und war der kaiserlichen Familie und deren Gästen vorbehalten. Die
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Große Thermenanlage, war für das Personal bestimmt. Als nächstes kommen wir zum
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Mouseia, wo Skulpturen und Dekorationen der Villa besichtigt werden können. Gleich daneben befindet sich der
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Canopus, einer Nachbildung des Kanals, der die ägyptischen Städte Canopus und Alexandria miteinander verband. Er bestand aus einem schmalen, von Kolonnaden und griechischen Statuen gesäumten Wasserbecken. Im Canopus wurden unter anderem Bankette abgehalten. Eine wichtige Etappe ist der Gebäudekomplex der
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Piazza d’Oro, mit seiner damals aufwändigen Architektur und reichen Ausstattung. Sehr wahrscheinlich hatte er eine öffentliche Funktion. Wir beenden den Rundgang am
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Maritime Theatre, Archäologen gehen davon aus, dass es sich hierbei um die privaten Gemächer des Kaisers handelte.

„Über die Treppe [...] steigt man zum Poggio über Kanopus auf. Der Blick, der sich einem von diesem Gipfel aus eröffnet, ist außerordentlich schön. Die seitlichen Loggien des Kanopus, die Bäder, die Ruinen des Palastes, die hundert Kammern, der Pecile bilden einen bewundernswerten Kontrast zu den Kiefern, Zypressen und Olivenbäumen, und in der Ferne dient das kleine Schloss auf dem Patulus dazu, einen Raum bildlich auszufüllen, den man im Gemälde ohne es finden würde.“

Viaggio a Tivoli, Filippo Alessandro Sebastiani

Wer die alten Ruinen Tivolis besichtigt, für den sind die Villen, darunter auch die Hadriansvilla, ein absolutes Muss. Besucht man die Hadriansvilla und stellt sich vor, wie sie in der Antike aussah, so kann man einiges über denjenigen lernen, der die Villa erbauen ließ: der Kaiser Publius Aelius Hadrianus, bekannt unter dem Namen Hadrian (76–138 n. Chr.). Er regierte über 20 Jahre und ging in die Geschichte als gebildeter und aufgeklärter Kaiser ein – Liebhaber der Kunst, der Philosophie, des Schönen und allem, was mit der griechischen Kultur zusammenhing. In den von ihm beherrschten Gebieten ordnete er den Bau von Straßen, Häfen, Thermenanlagen und Theatern an. Er zog den Frieden und die Verteidigung der Grenzen neuen Eroberungen vor. Außer der Hadriansvilla ließ er in Britannien den Hadrianswall sowie in Rom die Engelsburg und zwischen 112 und 124 n. Chr. den Neubau des Pantheons errichten.

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FÜR DIE JÜNGSTEN

„DAS ENSEMBLE WURDE DURCH IMPOSANTE BAUMUND GARTENANLAGEN KOORDINIERT, DIE MIT BRUNNEN, NYMPHÄEN UND DEKORATIVEN WERKEN ALLER ART VERSEHEN WAREN. DER KOMPLEX MUSSTE MALERISCH UND EINHEITLICH GEWESEN SEIN UND VON SOLCH UNVERWECHSELBARER EINZIGARTIGKEIT, DASS ER KEINEN VERGLEICH IN ÄHNLICHEN WERKEN DER ANTIKEN UND MODERNEN WELT FINDET.“
attività per bambini del sito UNESCO nr. 31
So beschreibt Francesco Fariello 1967 in Architettura dei giardini die Gärten der Hadriansvilla. Das in der Hadriansvilla vorherrschende Grün wird die Kinder sicherlich am meisten beeindrucken. Es gibt jedoch noch Anderes, was Tivoli sehenswert macht. Der folgende Rundweg durch Tivoli und seine Umgebung eignet sich für die ganze Familie. Die Tour beginnt an der
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Parkanlage der Villa Gregoriana, etwa eine halbe Stunde von Rom entfernt: In diesem großen romantischen Garten, eine Pflichtetappe für die jungen Bildungsreisenden der Grand Tour des 17. Jh., verschmelzen Natur, Geschichte und Archäologie geradezu perfekt in Wäldern, Wegen, Höhlen und Wasserfällen. Die Parkanlage der Villa Gregoriana geht auf eine Initiative von Papst Gregor XVI im Jahr 1832 zurück, der die Anlage in Auftrag gab, um Tivoli vor den Überflutungen des Aniene zu schützen. Der Park wurde 2005 von der italienischen Stiftung für Denkmal- und Umweltschutz (FAI) wiedereröffnet. Kinder lieben diesen Park und fotografieren besonders gerne den großen Wasserfall, die Überreste der villa des römischen Konsuls Manlio Vopisco und, auf der Akropolis, die römischen Tempel, zu denen auch der Tempel Vesta gehört, der in der Zeit der Renaissance besonders beliebt war. Der Park hat viele Wege und Kinder können versuchen, die über 60 Baumarten zu benennen und die natürlichen Höhlen zu finden. An der höchsten Stelle der Akropolis von Tivoli steht der römische
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Tempel der Sibylle, Der Tempel ist nicht nur aufgrund seiner Architektur interessant, sondern auch deshalb, weil er der Sibylle Albunea zugewiesen wird, die aus einem Mythos der Antike hervorgegangen ist und seherische Kräfte hatte. Auch der Besuch der
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Mensa Ponderaria, ist sehr lohnenswert. Hier lernen die Kinder, was eine öffentliche Waage ist und wie sie in der Antike gebaut war. Zu den Highlights Tivolis gehört auch das
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Heiligtum des Hercules Victor, einer der größten Baukomplexe römischer Architektur aus der Zeit der Republik: Eine riesige Baustruktur mit einem Theater, einer Piazza und einem Tempel – dem größten Heiligtum Italiens, das Hercules geweiht ist. Um Kindern zu erklären, wer die Alten Römer waren, eignen sich die Kinderführungen, die in der
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Villa Adriana organisiert werden. Zum Abschluss des Familienausfluges empfiehlt sich ein Besuch im
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Parco della Merla in Poli, eine halbe Stunde von Tivoli entfernt.
sito UNESCO nr. 31 in Italia
LESEEMPFEHLUNGEN

Buchempfehlungen, um mehr über die Hadriansvilla zu erfahren

  • Historia Augusta Vita Hadriani, (4. Jh.). Die Sammlung eines unbekannten Autors von Lebensbeschreibungen römischer Kaiser von Hadrian bis Numerianano beinhaltet das Gedicht Animula vagula blandula, das nach seinem ersten Vers benannt ist. Es handelt sich um ein Gedicht, das der Kaiser Hadrian kurz vor seinem Tod an seine Seele richtet. Es wird auch im Werk Marguerite Yourcenars in Ich zähmte die Wölfin: Die Erinnerungen des Kaisers Hadrian zitiert („Mein Seelchen, freundliches Seelchen du, so wanderlustig immerzu / dein Leib war nur dein Gasthaus und nun / sollst du die letzte Reise tun / in jenes Reich, wo alles so öd‘ und kahl und bleich / in jene Nacht, wo keiner mehr deine Späßchen belacht.“).
  • Il Dialogo tra Epitteto e l’imperatore Adriano (zweite Hälfte 13. Jh.). In diesem Text eines anonymen Autors geht es im Dialog zwischen dem jungen Epiktet und dem Kaiser um diverse Themen, unter anderem um die Verbindung zwischen Gott und Mensch.
  • Viaggio a Tivoli, Filippo Alessandro Sebastiani (1828). Es ist die Erzählung über eine sehr persönliche Reise nach Tivoli Mitte des 17. Jhs. Beim Lesen fängt man an, Tivoli und dessen unsterbliche Schönheiten zu verstehen.
  • Ich zähmte die Wölfin. Die Erinnerungen des Kaisers Hadrian Marguerite Yourcenar (1951). Der Roman der franösisch-belgischen Autorin ist der beste Weg, um den Kaiser kennenzulernen, der die Hadriansvilla in Tivoli erbauen ließ. Das Buch hat die Form eines in sechs Abschnitte gegliederten langen Briefes, den der seinen Tod erwartende Hadrian seinem Adoptiv-Enkel und designierten Zweitnachfolger Mark Aurel schrieb.
  • Architettura dei giardini, Francesco Fariello (1967). Beschrieben wird die Geschichte der Gärten in den einzelnen Geschichtsepochen mit Bezug auf Kunst und Architektur. Es gibt auch Platz für die Gärten der Hadriansvilla.
  • Hadrian, James Morwood (2013). Das Buch beschreibt das Leben und das Werk Hadrians und beleuchtet auch den psychologischen Aspekt, dem eines gebildeten, talentierten und erfolgreichen Mannes, der voller Gegensätze steckt
  • Adriano. Roma e Atene, Andrea Carandini, Emanuele Papi (2019). Das Buch ist ein Gemeinschaftswerk der beiden bekanntesten Archäologen Italiens. Es beschreibt die Orte, die für den Kaiser stehen, vom Pantheon bis zur Engelsburg, und erzählt von Geschichte und Architektur sowie vom Leben derer, die in diesen Bauwerken gelebt haben.
  • Antinoo, un uomo, un dio, Raffaele Mambella (2021). Der junge Antinoo stand dem Kaiser sehr nah. Über ihn zu lesen bedeutet somit, auch Hadrian nahe zu kommen, der in ein tiefes Loch fiel, als der Junge starb.

Kinder- und Jugendliteratur:

  • L’enigma di Boussois (I misteri di Villa Adriana), Pier Federico Caliari (2022). Historisch inspirierter Roman noir mit der französischen Hauptfigur des Charles Louis Boussois. Der Roman spielt zwischen Baumonumenten und den Fundstücken der Hadriansvilla.
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