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NATIONALPARK CILENTO UND VALLO DI DIANO MIT PAESTUM, VELIA SOWIE DER KARTAUSE VON PADULA

icona patrimonio sito UNESCO
KULTURLANDSCHAFT
DOSSIER UNESCO: 828
VERLEIHUNGSSTADT: KYOTO, JAPAN
VERLEIHUNGSJAHR: 1998
BEGRÜNDUNG: Der Nationalpark Cilento ist eine einzigartige Kulturlandschaft. Die Heiligtümer in diesem Gebiet zeigen sehr anschaulich die geschichtliche Entwicklung des Gebietes, das von der Vorgeschichte bis zum Mittelalter nicht nur eine wichtige Handelsroute, sondern auch ein bedeutender Ort der politischen Interaktion war.

„Vor Sonnenuntergang kam er in die Nähe einer vor
dem Meer errichteten Kolonnade. Einige geriffelte
Schäfte lagen wie große Baumstämme da [...].
Dahinter war das neblige, blasse Meer zu erahnen.
Miguel band sein Pferd an eine Säule und begann,
zwischen den Ruinen, deren Namen er nicht kannte,
umherzuwandern. Noch benommen von dem langen
Reiten über die Heide, fühlte er dieses Gefühl von
Leichtigkeit und Trägheit, das man manchmal in
Träumen erlebt.“

Anna Soror, in Wie fließendes Wasser, Marguerite Yourcenar

Während Miguel zwischen den Ruinen einer der archäologischen Stätten im Cilento umhergeht, fühlt er sich wie in einem Traum: Ein Nationalpark, der 1998 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt wurde. Er umfasst die Küste mit Ginster, Wacholder, Mastixbäume, Seelilien, Heidekraut, Myrte, Olivenbäume sowie die Wälder mit Steineichen, Ahorn, Platanen, Hainbuchen und Kastanienbäumen. Der Park beherbergt wahre Naturwunder und außergewöhnliche Denkmäler: Vom griechischen Paestum bis Elea/Velia von der Küste des Cilento bis zur Grotte von Pertosa Auletta, von der Calore Schlucht bis zum verlassenen Dorf Roscigno Vecchia, von der Kartause von Padula bis zum fruchtbaren Tal des Vallo di Diano. In dieser UNESCO-Kulturerbestätte bleiben nach wie vor noch die mediterrane Ernährung, die Kunst des Trockenmauerns und die traditionelle Trüffeljagd erhalten.

NICHT ZU VERPASSEN

„Salerno, 5. Mai 1932. [...] Dies sind die Orte, die Virgil besuchte, und er war so aufmerksam, sensibel und präzise, dass man die Welt hier am liebsten durch seine Augen sehen würde. [...] Wenn mir zur Seite die Sehkraft steht, so verdanke ich dies dem 5. und 6. Gesang der Aeneis.“

Ab 1931 arbeitet Giuseppe Ungaretti im Auftrag der Tageszeitung Gazzetta del Popolo, Turin, an einer Reportage über Süditalien. 1934 ist er im Cilento, ein Gebiet, in das er sich verliebt. Die Artikel wurden in der Sammlung Ein Menschenleben – Die Wüste und weiter veröffentlicht.
Google Maps
Auf seiner Reise aus
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Salerno, fährt Ungaretti durch die Ebene
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Piana del Sele, wo er eine Notiz über die Büffelkühe schreibt, die den Käsereien, die die besten Mozzarella der Welt herstellen, Milch liefern: „[Die Büffelkühe,] die sich im Dreck suhlen, um die Fliegen nicht zu spüren, die mit dieser Kruste, auf der auch das Gras wächst, herumwandern und die Elstern mit sich führen, die sie an den hohen Schollen fangen. Alles in allem gute Tiere, die die Milch liefern, aus der köstliche Mozzarella hergestellt wird“. In
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Paestum bemerkt er die Tempel, die von malariaverseuchten Sümpfen umgeben sind, Plünderungen überstanden haben und seit Jahrtausenden stehen: „Die Zeit, die sie mit Fieber umgab und so viele Meilen ringsum Angst säte, hat uns vor dem Tod das Wunder ihrer Stärke bewahrt [...]. Ein Schwarm Krähen flieht aus dem Tempel des Poseidon [...]. Die Metrik ihres Gesangs ist die der Zeit. [...] Vorne zeigen uns das Tympanon und die dorischen Säulen einen Travertin wie entzündetes Glas: Im Herzen des Steins brennt das Licht, das nicht verzehrt, und seine heilige Gleichgültigkeit leuchtet durch. An den Seiten hingegen ist der tragische Sinn des Verfalls zu spüren: Säulen, die durch lange Jahre mit Labyrinthen des Verfalls geleert wurden“. Dann führt er die Reise fort: „Und hier sind die Berge nicht mehr zu sehen, sondern drücken sich an unsere Flanken, während wir das Meer umrunden, die Stille ist fast beängstigend, und die Einsamkeit und Erhabenheit, der ich mich ausgesetzt sehe. Und was ist das für eine hohe Klippe, die uns bis zum Gipfel mit kleinen Feldern gepflastert erscheint, wie durch eine elegante Geometrie?“ Er kommt nach
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Agropoli, die Stadt auf dem Felsen und der wunderschönen Bucht von Trentova. „Aus einem Halbschatten kommen wir auf das Meer hinaus. Die Küstenlinie schneidet den Berg.“ Der Legende nach soll in
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Punta Licosa das Meer den Leichnam einer der drei Sirenen freigegeben haben, die starb, weil Odysseus sie verschmähte: „Dann wenden sich die Berge zurück, die Olivenbäume werden zu einem dunklen Blatt [...] und zitternd in der Luft, zeigt es ein Silber voll eines älteren Schattens.“ Er kommt nach
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Elea/Velia: „Elea, das ist Elea, die Stadt der Flüchtigen. [O du, Xenophanes rhapsodus, der du aus dem überfallenen Jonia hier gelandet bist, es gibt keine größeren Fragmente deines Werkes als die Terrakotta-Splitter [...], die ich beim Aufstieg handvollweise auflesen kann“

„Die mediterrane Ernährung umfasst eine
Reihe von Fertigkeiten, Kenntnissen, Praktiken
und Traditionen, die von der Landschaft bis
auf den Tisch reichen und den Anbau, die
Ernte, den Fischfang, die Konservierung, die
Verarbeitung, die Zubereitung und vor allem
den Verzehr von Lebensmitteln einschließen.
Sie [...] umfasst jedoch mehr als nur Lebensmittel.
Sie fördert das soziale Miteinander, denn die
gemeinsamen Mahlzeiten sind der Grundstein
für gesellschaftliche Bräuche und festliche
Veranstaltungen.“

Übereinkommen 5 COM 6.41 vom 16. November 2010, UNESCO

Mit dieser Begründung wurde die mediterrane Ernährung 2010 von der UNESCO zum immateriellen Kulturerbe der Menschheit erklärt. Diese Entscheidung wurde durch die Welternährungsorganisation und die WHO unterstützt, da sie ein Instrument für eine nachhaltige Landwirtschaft darstellt und für eine Ernährung sehr wichtig ist, mit der Herzerkrankungen sowie zerebrovaskulären Erkrankungen vorgebeugt werden kann. Der amerikanische Biologe Ancel Keys (der Name der Ration K, des Verpflegungspakets der US-Armee, wurde nach dem Anfangsbuchstaben seines Nachnamens benannt) war der Erste, der eine Theorie über die Verbindung zwischen den Essgewohnheiten der Einwohner des Cilento und dem geringen Anteil an Herzkrankheiten in diesem Gebiet herstellte. Ihm ist das Museum Vivente der Mediterranen Ernährung in Pioppi gewidmet, wo er die meiste Zeit seines Lebens lebte.

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FÜR DIE JÜNGSTEN

„PALINURO STAND AM STEUER DES ERSTEN SCHIFFES, DIE FLOTTE FOLGTE. MITTEN IN DER FEUCHTEN NACHT RUHTEN DIE SEEMÄNNER IN DER FRIEDLICHEN STILLE AUF DEN BÄNKEN. DA STIEG SCHLAF VON DEN STERNEN DES ÄTHERES HERAB, SETZTE SICH HOCH AUF DEM HECK UND SAGTE: PALINURUS, DAS MEER TRÄGT DIE FLOTTE, GLEICH WEHT DIE BRISE. RUHE DICH AUS.“
attività per bambini del sito UNESCO nr. 30
Als der Schlaf Palinurus rät, sich auszuruhen, steht dieser Rat für einen Pakt, den Venus mit Neptun geschlossen hatte: Um die Flotte des Äneas in Sicherheit zu bringen, sollte „ein Haupt zur Entsünung [Vieler reichen]“ (Aeneis, V, 815). Die Wahl fällt auf Palinurus, der das Steuer nicht aus der Hand lässt und versucht, wach zu bleiben. Doch der Schlaf wedelt mit einem von einschläfernder Kraft durchdrungenen Zweig vor ihm hin und her. Palinurus schließt die Augen, lässt das Steuer los und rutscht in das dunkle Meer. Drei Tage treibt er im Wasser und strandet dann am
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Kap von Palinuro, wo er von Einheimischen erschlagen wird. Sein in das Meer geworfener Körper wird nie wieder gefunden. So erfüllte sich der Wille Neptuns. Das Meer, der Thymianund Süßholzgeruch, die im Wind spielenden Möwen laden geradezu dazu ein, auf dem Primelweg in die Natur des Kaps von Palinuro einzutauchen. „Erstlich erreichet dein Schiff die Sirenen; diese bezaubern alle sterblichen Menschen, wer ihre Wohnung berühret. Welcher mit törichtem Herzen hinanfährt, und der Sirenen Stimme lauscht, der wird nimmer nach Hause kehren; denn es bezaubert ihn der helle Gesang der Sirenen, die auf der Wiese, von aufgehäuftem Gebeine moderner Menschen umringt und ausgetrockneten Häuten. Aber du steure vorbei und verklebe die Ohren der Freunde mit Wachse. Doch willst du selber sie hören, siehe, dann binde man dich an Händen und Füßen im Schiffe, aufrecht stehend am Maste, mit fest umschlungenen Seilen: dass du den holden Gesang der zwei Sirenen vernimmst. Flehst du die Freunde nun an und befiehlst, die Seile zu lösen, eilend fessle man dich mit mehreren Banden noch stärker.“ (Odysee, 12. Gesang, 39- 55). Die drei Sirenen Leucosia, Ligea und Partenope verzauberten mit ihrem Gesang die Seeleute, sodass diese die Kontrolle über ihre Schiffe verloren und an den Felsen Schiffbruch erlitten. Erst dann zeigten sich die Sirenen. Diese waren halb Frau, halb Vogel, und verschlangen ihre verführten Opfer. Odysseus gelang es, den Sirenen zu widerstehen. Leucosia stürzte sich an der Küste des Cilento an der Halbinsel
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Punta Licosa ins Meer. Die lokalen Fischer behaupten, dass die Stimme der Sirene morgens, wenn das Meer ruhig und das Ufer leer ist, noch immer zu hören ist. Auch die
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Grotten von Pertosa Auletta drüfen in einem Rundgang für Kinder und Jugendliche nicht fehlen. Riesige Hohlräume, verbunden durch unterirdische Stollen, sind mit zahlreichen Stalagtiten und Stalagmiten bedeckt.
sito UNESCO nr. 30 in Italia
LESEEMPFEHLUNGEN

Buchempfehlungen zum Nationalpark Cilento.

  • Die Ährenleserin von Sapri, Luigi Mercantini (1858). Das Gedicht wurde durch den Versuch Carlo Pisacanes inspiriert, die politischen Gefangenen aus dem Bourbonengefängnis in Ponza zu befreien und einen Aufstand im Mezzogiorno zu entfachen. Laut Plan sollte vor dem Marsch auf Neapel eine Etappe in Sapri, im Golf von Policastro, eingelegt werden, um dort auf Verstärkung zu warten. Das Gedicht schildert die Ereignisse aus der Sicht eines Bauernmädchens, das sich in Pisacane verliebt, sich dem Aufstand anschließt und die Niederlage miterlebt: „Zum Ährenlesen ging ich morgens aus / da sah ich fern ein Schiff im Meere draus / das Schiff das dampfend näher kam in Haft / trug ein dreifarbig Banner hoch am Mast”.
  • La San felice, Alexandre Dumas (Vater; 1865). Maria Luisa Sanfelice aus der Familie der Herzöge von Agropoli und Lauriano ist die Hauptfigur des Romans, in dem es um Intrigen, Liebe und Spione in der Stadt Neapel geht.
  • Der Alte und das Meer, Ernest Hemingway (1951). „Alles an ihm war alt, nur seine Augen nicht, und die hatten dieselbe Farbe wie das Meer und waren heiter und unbesiegt.” Es ist, als ob Hemingway sich in seiner Beschreibung von Santiago, dem alten kubanischen Fischer - der kämpft, um einen großen Fisch zu fangen - durch einen Fischer inspirieren ließ, den er in Agropoli kennengelernt hatte, wo er in den 1950er Jahren einige Zeit verbrachte.
  • 18 mal Italien, Guido Piovene (1957). Piovene bereiste das Bel Paese drei Jahre und schrieb dann diese einzigartige und detaillierte Reportage, die als Klassiker der italienischen Reiseliteratur gilt. Von den Alpen über den Nationalpark Cilento bis nach Sizilien lädt uns der Autor ein, die Wunderwerke Italiens zu entdecken.
  • Die lange Straße aus Sand, Pier Paolo Pasolini (1959). Im Sommer des Jahres 1959 fährt Pier Paolo Pasolini mit einem Fiat Millecento die gesamte italienische Küste entlang, von La Spezia über den Cilento bis nach Triest.
  • Die Wüste und weiter, Giuseppe Ungaretti (1961). 1934 reist Ungaretti zwischen Februar und September im Auftrag der Tageszeitung Gazzetta del Popolo in die Regionen Süd-Italiens. Seine Reiseberichte, in denen auch der Cilento beschrieben wird, wurden 1961 vom Verlag Mondadori veröffentlicht.
  • Wie fließendes Wasser, Marguerite Yourcenar (1982). Das Buch besteht aus drei Erzählungen. Die Erzählung Anna Soror spielt im 16. Jh. teilweise im Cilento. Die Geschwister Anna und Miguel bemerken, dass in ihrer Geschwisterliebe eine Leidenschaft keimt.

Kinder- und Jugendliteratur:

  • Odyssee. Im 12. Gesang der Odyssee hält Odysseus an der Küste Kampaniens dem Gesang der Sirenen stand.
  • Aeneis. Im 6. Buch werden die Abenteuer des Äneas in Kampanien beschrieben. Vom Tod des Palinurus über das Treffen mit Sibylle bis zur Reise in die Unterwelt über den Averner See
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