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VENEDIG UND DIE LAGUNE

icona patrimonio sito UNESCO
WELTKULTURERBE
DOSSIER UNESCO: 394
VERLEIHUNGSSTADT: PARIS, FRANKREICH
VERLEIHUNGSJAHR: 1987
BEGRÜNDUNG: Die Stadt Venedig ist ein architektonisches Meisterwerk, in der sich auch in den kleinsten Gebäuden Werke der weltweit größten Künstler befinden; die Lagune Venedigs stellt ein virtuoses Beispiel für den Eingriff des Menschen in die Natur dar.

„[…] ein Gespenst auf dem Meeressand, so schwach
– so still – so beraubt von allem außer ihrer
Lieblichkeit, dass wir, während wir ihren schwachen
Widerschein in der Fata Morgana der Lagune
betrachteten, zweifeln konnten, welches die Stadt war
und welches der Schatten.“

Die Steine von Venedig, John Ruskin

Sie ist noch da – unter dem Stein Istriens, hinter dem Gemäuer der Häuser, unter den Gemälden Tintorettos und Tizians – die Sandbank. Dieses Stück Land, das aus der Lagune auftaucht, aus dem „hohen Ufer“, oder auf Italienisch riva alta, und durch das sich Kanäle ziehen, deren Wasserlauf durch den Atem der Gezeiten bestimmt wird, es existiert noch. Man erkennt es an den netzartig verbundenen Kanälen – an der wellenförmigen Oberfläche der Felder. Es ist Venedig, das aus der Lagune emportaucht und nicht andersherum. Die Ortsnamenkunde verrät es uns: Der Name des südlichen Stadtteils, Sestiere di Dorsoduro, weist auf den festen Untergrund hin, auf dem er errichtet wurde, während der Name des nördlichen Stadtteils, Sestriere di Cannaregio, sich vom Schilfrohr ableitet, das dort wuchs (italienisch canna: Schilf). Ganz im Osten des Stadtteils Sestiere di Castello werden die Felder noch als paludi, also „Sumpf“ bezeichnet. Durch die Lagune entstehen eine Vertrautheit im Umgang mit dem Wasser und den Schiffen, eine amphibische Kultur in der Stadt und Fischerdörfer. Kleine Produktions- und Kulturstätten auf fast jeder noch so kleinen Insel gedeihen, während sich Venedig zu einer der einflussreichsten Hauptstädte Europas entwickelt, von der Lagune aus Kreta, Zypern und Konstantinopel erreicht und so zum Global Player wird. Wie die Araber und Portugiesen beteiligen sich auch die Venezianer im Mittelalter mit Marco Polo vom Westen her kommend an der Entdeckung der Welt. Dennoch vergessen sie ihre Wurzeln nicht und setzen ihre Kunst und ihren Vestand ein, um Dämme zu bauen, Flussläufe umzuleiten, die Lagune im Gleichgewicht zu halten und zu schützen und werden so zu Kausalität und Wirkung.

NICHT ZU VERPASSEN

„‚Es gibt eine, über die du nie sprichst.‘ Marco Polo neigte den Kopf. ‚Venedig‘, sagte der Khan. Marco lächelte. ‚Und was dachtest du, wovon ich sonst spreche?‘ Der Kaiser blinzelte nicht. ‚Aber ich habe noch nie gehört, dass du ihren Namen erwähnt hast.‘ Und Polo: ‚Immer wenn ich eine Stadt beschreibe, sage ich etwas über Venedig.‘“

Wenn Calvinos Marco Polo eine Stadt beschreibt, so erzählt er auch immer ein bisschen von Venedig. In Venedig gibt es unzählige Orte, die wiederum von anderen Orten erzählen.
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Ein Beispiel dafür ist unter anderem der Markusdom, mit seinen vier Pferden und den Säulen, die 1204 aus Konstantinopel kamen und den Mosaiken, auf denen die Reliquientranslation des Heiligen Markus aus Ägypten dargestellt ist. Oder aber das Arsenal, mit seiner ehemaligen Schiffswerft und dem griechischen Löwen. Und nicht zu vergessen die Riva degli Schiavoni, dem bedeutendsten Kai Venedigs, der an der Lagune entlangführt und dessen Name auf die aus Dalmatien stammenden und im Dienst des Stadtstaates La Serenissima stehenden Soldaten zurückzuführen ist. Hier schlagen die Wellen an den Kai, während wir auf den Bacino di San Marco und das ehemalige Zollgebäude Dogana da Mar blicken. Von den legendären
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Case di Marco Polosoll der Kaufmann als Siebzehnjähriger zunächst per Schiff und dann auf einem Kamel gereist sein – demselben Tier, das im Stadtteil Sestiere di Cannaregio fast aus der Fassade des
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Palazzo Mastelli, gegenüber der Kirche Madonna dell’Orto und deren orientalisch anmutenden Glockenturm herausspringt. Geht man um das gotische Gebäude herum, so kommt man zum
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Campo dei Mori, wo rätselhafte Statuen den Besucher mit von weither stammenden Augen anblicken: Es handelt sich hierbei um die sogenannten mori im Verständnis der Venezianer die Einwohner aus dem bis zu Beginn des 19. Jhs. unter osmanischer Herrschaft stehenden Morea. Diese Händler, die einst in diesem Stadtteil Venedigs lebten, tragen einen türkischen Turban, der sich auch in den Gemälden von Giovanni Bellini im Museum Gallerie dell’Accademia wiederfindet. Noch wenige Schritte, und wir kommen in das älteste
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Ghetto Europas mit sechs zwischen den Häusern versteckten Synagogen und einer noch heute dort lebenden jüdischen Gemeinde, die leckeres Gebäck nach jüdisch-venezianischer Art zubereitet. An der Kasse des Museo Ebraico werden die Tickets verkauft und man kann sich darüber informieren, welche Synagoge gerade besichtigt werden kann. Wir gelangen nun zum Platz Campo San Marcuola. Hier besteigen wir ein Vaporetto und fahren zum
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Fontego dei Turchi, feinem früheren Handelshaus. Heute beherbergt es das Museo di Storia Naturale, und die paläonthologischen, anthropologischen und naturwissenschaftlichen Sammlungen der venezianischen Entdecker verewigen hier die Erinnerung an außergewöhnliche Reisen und Abenteuer.

„Die Stadt ist eine zerklüftete Austernschale,
in der zwischen perlmuttartigen Reflexen
das Leben gärt. Auf den Stufen der ersten
Brücke strecken alte Fischer hastig ihre
salzverbrannten Netze aus und halten sie mit
den Zehen fest. Weiter vorne werden wir uns
des insularen Temperaments der Menschen
bewusst, die uns beharrlich anschauen und das
Gewebe unseres Mantels beurteilen.“

Una città di pescatori, in Gente di mare, Giovanni Comisso

Auf den Inseln in der Lagune von Venedig gibt es viele Siedlungen. Murano und Burano haben mehrere Tausend Einwohner. Auch Lido und Pellestrina sind Küstengebiete mit einer hohen Einwohnerzahl. Einige kleinere Inseln werden von Glaubensgemeinden oder kleineren Personengruppen bewohnt. Als Stadt kann jedoch nur ein weiterer Ort bezeichnet werden: Chioggia. Chioggia ist nicht die kleine Schwester Venedigs, sondern eine vollkommen autonome Stadt mit einer starken Identität, die eng mit der Fischerei und dem Schiffsbau verwoben ist. Es ist venezianisch, denn es ist die Cousine von Portogruaro, Caorle und Grado, dem römischen Ravenna und dem mittelalterlichen Ferrara oder oder auch der vielen Städte in der Po-Ebene, die sich zwischen Land und Wasser entwickelten. In besonderem Maße ist Chioggia aber eine Stadt der Kunst und der Kultur, mit der ältesten funktionierenden Uhr der Welt im Glockenturm von Sant’Andrea, einem Museum über Seefahrertraditionen, einem ausgesprochen lebendigen historischen Stadtzentrum, einer sehr guten Fischküche sowie dem angrenzenden Stadtteil Sottomarina mit seinem Badestrand.

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FÜR DIE JÜNGSTEN

„‚ARSENAL! PASS AUF!‘ WARNTE DER MATROSE LAUTSTARK. DIE LEUTE BEGANNEN ABZUSTEIGEN, WÄHREND DIE KATZE UNTEN BLIEB BIS DER LETZTE PASSAGIER EINEN FUSS AUF DEN KAI SETZTE, DANN FUHR ER BLITZSCHNELL LOS. [...] ‚ XE RIVÀ EL GATO‘, SAGTE DER MATROSE ZUM KAPITÄN IN DER KAJÜTE.“
attività per bambini del sito UNESCO nr. 5
So wie Pallino im Buch Gatto che viaggiava in vaporetto an der Haltestelle beim Arsenal in das Vaporetto steigt, können auch wir Venedig vom Wasser aus kennenlernen. Bei der unglaublichen Menge an Wasser, die es in Venedig gibt, denkt man natürlich, man würde Venedig überall vom Wasser aus sehen und dennoch versteht man die Stadt besser von einem Schiff aus. Bevor wir aber in das Vaporetto steigen, halten wir noch am
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Arsenal. Der große Eingang, der von zwei Türmen bewacht wird, die heute durch eine Holzbrücke miteinander verbunden sind, war früher das Tor, durch das die Schiffe des Stadtstaates Serenissima herausfuhren, nachdem sie gebaut oder repariert worden waren. Um besser verstehen zu können, worum es sich handelt, gehen wir zum
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Museo Storico Navale, in dem die Geschichte der Marine erklärt wird und viele Boote und Schiffe besichtigt werden können, unter anderem der berühmte Bucintoro, das Staatsschiff der Dogen von Venedig. Sollte das Museum offen sein, müsst Ihr unbedingt den Padiglione delle Navi besichtigen, in dem viele Schiffe ausgestellt sind. Einige Schiffe können auch betreten werden. Wir aber steigen in das Vaporetto (Haltestelle Arsenale) und durchqueren den Bacino di San Marco, den alten Hafen. Wir müssen uns vorstellen, dass der Hafen früher voller Schiffe war, und gehen zum weißen Zollgebäude Dogana da Mar, wo die Kapitäne ihre Dokumente vorzeigen mussten. Alternativ dazu können wir auch bis zum Traghetto in der Calle Vallaresso gehen und so in einer Gondel bis zur Haltestelle Salute fahren, wo wir den
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Nuovo Trionfo erkennen: Das ist kein Piratenschiff, sondern eine der letzten adriatischen Trabakel, einem kleinen Lastenschiff, das zwischen Venedig und der Küste Istriens und Dalmatiens hin und her fuhr. Noch 15 Minuten zu Fuß, und wir kommen zum
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Squero San Trovaso, einer der letzten Gondelwerften, in der noch Gondeln und andere Lagunenschiffe hergestellt werden. Nachdem wir bei der Haltestelle Accademia angelangt sind, steigen wir wieder in das Vaporetto und fahren den ganzen
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Canal Grande, entlang, wobei wir Dutzende von Palazzi bewundern können, die auf dem Wasser schwimmen. An der Haltestelle San Marcuola steigen wir aus. Nach 15 Minuten Fußweg erreichen wir den nördlichsten Teil der Stadt, wo sich in den langen und geraden Kanälen des Stadtteils Cannaregio, einige
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Ruderschulen befinden, um mit Ruderbooten über das Wasser gleiten zu können, so, wie es die Venezianer bereits seit über tausend Jahren tun.
sito UNESCO nr. 5 in Italia
LESEEMPFEHLUNGEN

Buchempfehlungen, um in venezianische Kanäle und zwischen die Inseln einzutauchen.

  • Die Steine von Venedig, John Ruskin (1851–53). Abhandlung, die detailliert Architektur, Geschichte und Kunst Venedigs beschreibt. Der Autor lässt ästhetische Bewertungen und philosophische Gedanken einfließen und stellt Venedig so als ein lebendes Kunstwerk dar. Diese Annäherung macht aus der dreibändigen Abhandlung Ruskins ein literarisches Werk.
  • Die Aspern-Schriften, Henry James (1888). Im dekadenten Venedig des 19. Jhs. beschreibt dieser Roman auf beeindruckende Weise Intrigen und Obsession. Der Hauptdarsteller, ein amerikanischer Literaturkritiker ohne Namen, ist auf der Suche nach einer Briefesammlung des Dichters Jeffrey Aspern, den er für einen der größten Künstler aller Zeiten hält.
  • Tod in Venedig, Thomas Mann (1912). Schönheit, Verlangen, Tod und Kunst sind Gegenstand der Novelle über das tragische Ende des Gustav von Aschenbach, einem Schriftsteller, der nach Venedig kommt, um dort Inspiration zu finden, sich aber in den jungen Tadzio verliebt und diesem voll und ganz verfällt.
  • Gente di mare, Giovanni Comisso (1929). Impressionistischer Vortrag der Erlebnisse des Autors an Bord von Fischerbooten sowie seiner Besuche in Chioggia, Venedig und der Lagune. Die Schilderungen sind nicht nur sehr anschaulich, sondern bieten auch ein wertvolles Repertoire an Erinnerungen an die Lagune.
  • Die unsichtbaren Städte, Italo Calvino (1972). Calvino erforscht die fantastischen Städte, über die Marco Polo Kublai Khan berichtet und die Metaphern für mentale Zustände und Emotionen werden, für die Existenz und die Erfahrung in der Welt.

Kinder- und Jugendliteratur:

  • Herr der Diebe, Cornelia Funke (2000). Das Leben der zwei Waisen, Prosper und Bo, verändert sich, als sie auf der Flucht vor ihrer Tante und dem Detektiv Viktor nach Venedig kommen und sich der Kinderbande anschließen, dessen Anführer der „Herr der Diebe“ ist, der in einem verlassenen Kino lebt.
  • Sull’Arca con Noè, Zaira Zuffetti, Paola Bona (2004). Die Mosaiken im Markusdom erzählen von der Sintflut und dem Epos eines legendären Kapitäns, Noah.
  • Il gatto che viaggiava in vaporetto, Stefano Medas (2020). Pallino ist eine Katze, die gerne mit dem Vaporetto fährt und die Kanäle und überfüllten Straßen Venedigs erforscht. Während ihrer Abenteuer freundet sie sich mit anderen Tieren und mit exzentrischen Leuten an, die ihr helfen, die echte Bedeutung von Familie und Freundschaft zu entdecken.
  • Zhero. Il segreto dell’acqua, Marco Alverà (2020). Das rätselhafte Verschwinden der Physik-Koryphäe Bepe Galvano in Venedig führt dazu, dass drei Jugendliche gegen die Zeit laufen, in der die Zukunft der Menschheit von ihnen abzuhängen scheint. Ihre Aufgabe ist es, die letzte Erfindung des Professors zu schützen: eine ganz besondere Maschine, die in der Lage ist, grüne Energie aus Wasser zu gewinnen.
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