VENEDIG UND DIE LAGUNE
WELTKULTURERBE
Sie ist noch da – unter dem Stein Istriens, hinter dem Gemäuer der Häuser, unter den Gemälden Tintorettos und Tizians – die Sandbank. Dieses Stück Land, das aus der Lagune auftaucht, aus dem „hohen Ufer“, oder auf Italienisch riva alta, und durch das sich Kanäle ziehen, deren Wasserlauf durch den Atem der Gezeiten bestimmt wird, es existiert noch. Man erkennt es an den netzartig verbundenen Kanälen – an der wellenförmigen Oberfläche der Felder. Es ist Venedig, das aus der Lagune emportaucht und nicht andersherum. Die Ortsnamenkunde verrät es uns: Der Name des südlichen Stadtteils, Sestiere di Dorsoduro, weist auf den festen Untergrund hin, auf dem er errichtet wurde, während der Name des nördlichen Stadtteils, Sestriere di Cannaregio, sich vom Schilfrohr ableitet, das dort wuchs (italienisch canna: Schilf). Ganz im Osten des Stadtteils Sestiere di Castello werden die Felder noch als paludi, also „Sumpf“ bezeichnet. Durch die Lagune entstehen eine Vertrautheit im Umgang mit dem Wasser und den Schiffen, eine amphibische Kultur in der Stadt und Fischerdörfer. Kleine Produktions- und Kulturstätten auf fast jeder noch so kleinen Insel gedeihen, während sich Venedig zu einer der einflussreichsten Hauptstädte Europas entwickelt, von der Lagune aus Kreta, Zypern und Konstantinopel erreicht und so zum Global Player wird. Wie die Araber und Portugiesen beteiligen sich auch die Venezianer im Mittelalter mit Marco Polo vom Westen her kommend an der Entdeckung der Welt. Dennoch vergessen sie ihre Wurzeln nicht und setzen ihre Kunst und ihren Vestand ein, um Dämme zu bauen, Flussläufe umzuleiten, die Lagune im Gleichgewicht zu halten und zu schützen und werden so zu Kausalität und Wirkung.
NICHT ZU VERPASSEN
„‚Es gibt eine, über die du nie sprichst.‘ Marco Polo neigte den Kopf. ‚Venedig‘, sagte der Khan. Marco lächelte. ‚Und was dachtest du, wovon ich sonst spreche?‘ Der Kaiser blinzelte nicht. ‚Aber ich habe noch nie gehört, dass du ihren Namen erwähnt hast.‘ Und Polo: ‚Immer wenn ich eine Stadt beschreibe, sage ich etwas über Venedig.‘“
Wenn Calvinos Marco Polo eine Stadt beschreibt, so erzählt er auch immer ein bisschen von Venedig. In Venedig gibt es unzählige Orte, die wiederum von anderen Orten erzählen.
Google Maps
„Die Stadt ist eine zerklüftete Austernschale,
in der zwischen perlmuttartigen Reflexen
das Leben gärt. Auf den Stufen der ersten
Brücke strecken alte Fischer hastig ihre
salzverbrannten Netze aus und halten sie mit
den Zehen fest. Weiter vorne werden wir uns
des insularen Temperaments der Menschen
bewusst, die uns beharrlich anschauen und das
Gewebe unseres Mantels beurteilen.“
Auf den Inseln in der Lagune von Venedig gibt es viele Siedlungen. Murano und Burano haben mehrere Tausend Einwohner. Auch Lido und Pellestrina sind Küstengebiete mit einer hohen Einwohnerzahl. Einige kleinere Inseln werden von Glaubensgemeinden oder kleineren Personengruppen bewohnt. Als Stadt kann jedoch nur ein weiterer Ort bezeichnet werden: Chioggia. Chioggia ist nicht die kleine Schwester Venedigs, sondern eine vollkommen autonome Stadt mit einer starken Identität, die eng mit der Fischerei und dem Schiffsbau verwoben ist. Es ist venezianisch, denn es ist die Cousine von Portogruaro, Caorle und Grado, dem römischen Ravenna und dem mittelalterlichen Ferrara oder oder auch der vielen Städte in der Po-Ebene, die sich zwischen Land und Wasser entwickelten. In besonderem Maße ist Chioggia aber eine Stadt der Kunst und der Kultur, mit der ältesten funktionierenden Uhr der Welt im Glockenturm von Sant’Andrea, einem Museum über Seefahrertraditionen, einem ausgesprochen lebendigen historischen Stadtzentrum, einer sehr guten Fischküche sowie dem angrenzenden Stadtteil Sottomarina mit seinem Badestrand.
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„‚ARSENAL! PASS AUF!‘ WARNTE DER MATROSE LAUTSTARK. DIE LEUTE BEGANNEN ABZUSTEIGEN, WÄHREND DIE KATZE UNTEN BLIEB BIS DER LETZTE PASSAGIER EINEN FUSS AUF DEN KAI SETZTE, DANN FUHR ER BLITZSCHNELL LOS. [...] ‚ XE RIVÀ EL GATO‘, SAGTE DER MATROSE ZUM KAPITÄN IN DER KAJÜTE.“
LESEEMPFEHLUNGEN
Buchempfehlungen, um in venezianische Kanäle und zwischen die Inseln einzutauchen.
- Die Steine von Venedig, John Ruskin (1851–53). Abhandlung, die detailliert Architektur, Geschichte und Kunst Venedigs beschreibt. Der Autor lässt ästhetische Bewertungen und philosophische Gedanken einfließen und stellt Venedig so als ein lebendes Kunstwerk dar. Diese Annäherung macht aus der dreibändigen Abhandlung Ruskins ein literarisches Werk.
- Die Aspern-Schriften, Henry James (1888). Im dekadenten Venedig des 19. Jhs. beschreibt dieser Roman auf beeindruckende Weise Intrigen und Obsession. Der Hauptdarsteller, ein amerikanischer Literaturkritiker ohne Namen, ist auf der Suche nach einer Briefesammlung des Dichters Jeffrey Aspern, den er für einen der größten Künstler aller Zeiten hält.
- Tod in Venedig, Thomas Mann (1912). Schönheit, Verlangen, Tod und Kunst sind Gegenstand der Novelle über das tragische Ende des Gustav von Aschenbach, einem Schriftsteller, der nach Venedig kommt, um dort Inspiration zu finden, sich aber in den jungen Tadzio verliebt und diesem voll und ganz verfällt.
- Gente di mare, Giovanni Comisso (1929). Impressionistischer Vortrag der Erlebnisse des Autors an Bord von Fischerbooten sowie seiner Besuche in Chioggia, Venedig und der Lagune. Die Schilderungen sind nicht nur sehr anschaulich, sondern bieten auch ein wertvolles Repertoire an Erinnerungen an die Lagune.
- Die unsichtbaren Städte, Italo Calvino (1972). Calvino erforscht die fantastischen Städte, über die Marco Polo Kublai Khan berichtet und die Metaphern für mentale Zustände und Emotionen werden, für die Existenz und die Erfahrung in der Welt.
Kinder- und Jugendliteratur:
- Herr der Diebe, Cornelia Funke (2000). Das Leben der zwei Waisen, Prosper und Bo, verändert sich, als sie auf der Flucht vor ihrer Tante und dem Detektiv Viktor nach Venedig kommen und sich der Kinderbande anschließen, dessen Anführer der „Herr der Diebe“ ist, der in einem verlassenen Kino lebt.
- Sull’Arca con Noè, Zaira Zuffetti, Paola Bona (2004). Die Mosaiken im Markusdom erzählen von der Sintflut und dem Epos eines legendären Kapitäns, Noah.
- Il gatto che viaggiava in vaporetto, Stefano Medas (2020). Pallino ist eine Katze, die gerne mit dem Vaporetto fährt und die Kanäle und überfüllten Straßen Venedigs erforscht. Während ihrer Abenteuer freundet sie sich mit anderen Tieren und mit exzentrischen Leuten an, die ihr helfen, die echte Bedeutung von Familie und Freundschaft zu entdecken.
- Zhero. Il segreto dell’acqua, Marco Alverà (2020). Das rätselhafte Verschwinden der Physik-Koryphäe Bepe Galvano in Venedig führt dazu, dass drei Jugendliche gegen die Zeit laufen, in der die Zukunft der Menschheit von ihnen abzuhängen scheint. Ihre Aufgabe ist es, die letzte Erfindung des Professors zu schützen: eine ganz besondere Maschine, die in der Lage ist, grüne Energie aus Wasser zu gewinnen.
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